Die verlorene Seele
Eines meiner Grundgefühle in den letzten Jahren war ein seltsamer Schwebezustand. Nichts Halbes nichts Ganzes. Auf der Suche nach dem Glück verloren gegangen. Mich irgendwie verlaufen. Aufgewachsen im Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten. Das Internet lässt einem alles greifbar nah erscheinen. Menschen auf Social Media leben dir vor, wie du Spaß haben kannst und richtig glücklich wirst. Die FOMO (fear of missing out) war mein ständiger Wegbegleiter. Ich will das richtige Leben führen. Es nicht gegen die Wand fahren. Ich will das Beste daraus machen, immerhin wird einem schon von klein auf beigebracht, dass man Lob bekommt, wenn man Leistung bringt, wenn man die Ansprüche der Anderen erfüllt. Wenn dann der Zeitgeist zur Selbstverwirklichung umschwingt, dann wird halt das eigene Leben optimiert. Reisen, work-life-balance, the most bang for the buck… also so viel wie möglich aus dem Leben rauspressen!
Sinnsuche
Ich habe Elektrotechnik studiert. Studiert, um mal gut Geld zu verdienen, weil man mir in der Schule gesagt hat, Ingenieure sind gefragt. Immer gute Noten gehabt, aber was Leben bedeutet, habe ich beim Slacklinen gelernt. Ein verrückter Haufen voller abenteuerlustiger Freigeister. Die besten Jahre meines Lebens mit Reisen in Australien, Brasilien und der US-Westküste. Highlinen, Fallschirmspringen und BASE Jumpen, Festivals, Drogen, Frauen. Ich habe begriffen, wie der Hase läuft! Keinen Bock mehr auf das einfältige Normalo-Leben. Alles Spießer. Ich brauch‘ Freiheit! Ich brauch‘ Abenteuer und Natur! Ich will mich in meinem Abenteuerspielplatz – den Bergen – austoben und nicht im Büro mit Elektrotechnik-Nerds. Ich will Leidenschaft und Grenzerfahrungen und keinen oberflächlichen Alltagstrott. Ich fühl‘ mich entfremdet von der Gesellschaft. Ich brauch‘ kein Geld zum glücklich sein! Am glücklichsten war ich, als ich auf Reisen war, mit wenig Geld und wenig Dingen. Aber irgendwie muss ich ja Geld verdienen. Alles hinschmeißen und nochmal neu anfangen in der Baumpflege? Radikal aber gut! Jetzt bin ich also Handwerker! Dazu noch ein Philosophiestudium, um das Leben besser zu verstehen. Weiß nicht so recht was mein Platz ist im Leben. Wo soll es jetzt hingehen? Wingsuiten ist spannend, aber auch nicht der Sinn des Lebens. Freunde sind mittlerweile weggezogen, haben Familien gegründet. Ich wohn‘ noch immer in meiner Studentenbude. Fühlt sich etwas hängengeblieben an. Ich hol‘ mir die Flow-Erfahrungen, die ich vom Highlinen und Wingsuiten kenne, in die Stadt, indem ich viel fürs Feuerspielen übe. Steh‘ allein im Park und studiere irgendwelche Bewegungsmuster ein. Aber für wen eigentlich? Wen will ich damit beeindrucken? Auf der Suche nach der Freiheit, mich in die Einsamkeit manövriert? So frei, so ungebunden, so lost, so sinnlos!
Aufwachen
Mal wieder ein Beziehungsversuch über Tinder. Es gibt die ersten Konflikte. Aber diesmal will ich nicht klein beigeben. Diesmal renn‘ ich nicht davon. Also rein ins Beziehungsabenteuer. Viele Tränen fließen. Ich fühl mich seit langem mal wieder wirklich gesehen, aber auch irgendwie gefangen. Schmerzhafte Streits, bin immer wieder hilflos und verängstigt. Wie viel von meinem Ego kann ich aufgeben? Wie viel Kompromisse kann ich eingehen, ohne das zu verlieren, was mich mal stark gemacht hat?
Ich kiffe viel. Ich beginn‘ eine Reise ins Innere. Versuche meinen Plattfuß zu therapieren und verlier‘ mich dabei in cannabinoiden Selbsterfahrungsexzessen, die ich nur schwer mit der Realität verknüpfen kann. 10 Tage Schweigeretreat (Vipassana Meditation), ich komm mit Angstzuständen und Panikattacken zurück. Spannend so emotional zu sein und gleichzeitig hochgradig destabilisierend. Irgendwie geht‘s weiter… Schon lang‘ bin ich nicht mehr der coole selbstbewusste Extremsportler. Eher der Suchtkranke mit Depression. Raff‘ mich kurz mal zur Therapie auf, aber kann es nicht durchziehen. Ich fühl mich verunsichert. Weiß immer weniger was ich hier eigentlich mache. Aber ich merke, dass ich meine Beziehungen mehr pflegen will. Ich beginne an Größeres zu glauben als ein rein materialistisches, naturwissenschaftliches Weltbild.
Hoffnung
Ayahuasca im Dschungel von Ecuador. Ich werde durch die Hölle geschickt. 7 Sitzungen in 3 Wochen. Eine davon ein „bad trip“. Ein Rendez-vous mit der Mutter aller Ängste. Alles dunkel, kein Ausweg in Sicht, gefangen für immer. Begleitet mit den Gedanken: jetzt mache ich meine Psyche noch mehr kaputt. Zwei Sitzungen später spüre ich eine Liebe, die größer ist, als alles was ich jemals erlebt hab‘. Ein Funken Hoffnung kehrt in meine Sinnsuche zurück. Dann: Trennung von meiner Freundin. Über ein Jahr zieht es mich runter. Immer wieder hab ich Angst, brauche Hilfe. Öffne mich mehr und mehr auch gegenüber Freunden und Familie. Die Harte Schale bröckelt. Mit (fast) allen erdenklichen Selbsthilfepraktiken gewappnet, lerne ich meine Stimmungsschwankungen zu navigieren: Tagebuch, Meditation, Freestyle Rap, Ecstatic Dance, Breathwork, Psychedelika, Singkreise, Gesprächskreise, Yoga, Acroyoga, Tantra, Soundhealing, lange Gespräche mit Freunden. Nichts davon war die Lösung, aber alles zusammen irgendwie schon. Langsam aber sicher lerne ich loszulassen. Es wird nicht alles immer mehr und besser. Manchmal gibt es auch Rückschläge. Dinge kommen und gehen. Sich dieser Tatsache zu widersetzen macht krank.
Kraft für das Gute
Jetzt hab‘ ich eine neue Partnerin. Ich hab mich noch nie so sicher und geborgen in einer Beziehung gefühlt. Ich bin bereit den Zustand der Verunsicherung zu verlassen. Den FOMO-Lifestyle zu beenden. Raus aus der Analyse-Paralyse, rein in die Entscheidung. Ich will mich festlegen. Ich will mich binden. Ich will Verbindungen aufbauen und pflegen. Ich will Konflikte lösen. Ich will mich nicht länger mit intensiven Erfahrungen von meinem tatsächlichen Gefühlsleben ablenken müssen. Ich will nicht mehr davon rennen von den Gespenstern im Keller. Ich will nicht mehr sonst wo nach dem Glück suchen, sondern die aufgeschobenen Dinge – die Altlasten – bearbeiten. Darin steckt die tatsächliche Freiheit. Freiheit bedeutet für mich nicht, sensationsgeil um die Welt zu reisen. Das ist auf eine privilegierte Art und Weise getrieben. Ich will lieber Verantwortung übernehmen! Ich sehe genügend Dinge die falsch laufen auf unserer Welt, wieso also nicht dort anpacken und die Welt für alle zu einem besseren Ort machen. Meinen eigenen Beitrag leisten. Ich will kein Teil der narzistischen Neidkultur mehr sein, wo man durch Instagram scrollt und sich wünscht, man hätte so ein Leben oder so eine attraktive Frau wie xyz während ich gleichzeitig mit den eigenen Posts versuche mitzuhalten und Teil des Problems bin.
Freiheit
Aber woher weiß ich jetzt wo es hingehen soll? Ich denke, wenn ich es schaffe mit meinen Gefühlen in Kontakt zu bleiben, werde ich es wissen. Eindeutige Weltbilder, die einem den Weg weisen, gibt es nicht mehr. Die Kulturen und Denkweisen vermischen sich. Was früher sinnvoll war, kann heute bereits falsch sein.
Der Buddhismus scheint mir momentan am überzeugendsten. Schicht für Schicht abtragen woran ich anhafte und über die Zeit immer mehr Klarheit erlangen. Mich in jedem Moment aufs Neue Einlassen lernen. Aufwachen aus dem ferngesteuerten, getriebenen, angsterfüllten Dasein. Hin zu mehr Liebe, Achtsamkeit, Verbundenheit und zu guter Letzt: Freiheit im Geiste!